Social Business ist kein Buzzword – es ist ein echtes Gegenmodell zum klassischen Non-Profit-Denken, und Michael Fritz von Viva con Agua lebt es seit über 15 Jahren vor. In dieser Episode von Weiter im Chaos spricht Micha über die Entstehung von Viva con Agua, warum Charity oft mehr schadet als nützt und wie man mit All Profit wirklich alle gewinnen lässt. Ein Gespräch, das nachdenklich macht, inspiriert und an manchen Stellen ziemlich unbequem wird – genau so, wie es sein soll.
Was dich in dieser Episode erwartet
- Die Entstehungsgeschichte von Viva con Agua – vom St. Pauli Fanprojekt mit Pfandbechern zur internationalen Organisation in acht Ländern
- All Profit statt Non Profit – warum der Begriff auf dem ersten Flyer stand, ohne dass jemand wusste, was er bedeutet
- Kritik am klassischen Charity-Narrativ – weshalb das Bild vom hilflosen afrikanischen Kontinent destruktiv und falsch ist
- Die eigene Werbeagentur VCX – warum Micha die Werbewelt von innen heraus verändern will
- Chief Chaos Officer – wie Micha seinen eigenen Führungsstil beschreibt und warum er kein Geschäftsführer mehr ist
- Flaschenwasser-Kritik – weshalb abgefülltes Wasser sozial, ökologisch und ökonomisch Unsinn ist
- Netzwerke aufbauen – wie Kontakte in der Musik- und Festivalwelt zu Kooperationen mit Jan Delay, André Schürrle und Co. geführt haben
Was ist der Unterschied zwischen Non Profit und All Profit bei Viva con Agua?
All Profit bedeutet, dass alle Beteiligten profitieren sollen – Künstlerinnen, Partner, Ehrenamtliche und die Menschen, für die Projekte gemacht werden. Non Profit macht laut Michael Fritz keinen Sinn, wenn am Ende niemand wirklich gewinnt. Das Prinzip: Gemeinsam mehr erreichen, ohne dass jemand auf der Strecke bleibt.
Interessant ist dabei, dass der Begriff „All Profit“ eher zufällig entstand – er stand einfach auf dem ersten Viva con Agua Flyer, weil es sich richtig angefühlt hat. Aus dieser Haltung heraus ist über die Jahre ein komplettes Ökosystem entstanden: die Milontau Gallery im FC St. Pauli Stadion, die Werbeagentur VCX, Hotels in Südafrika und Hamburg, ein Musikverlag und Ableger in Spanien, Mosambik, Uganda, Österreich, der Schweiz, Kalifornien und mehr.
Das Prinzip zeigt sich auch im Kleinen: Wenn Micha im Podcast auftritt, überlegt er, was der Podcast davon hat. Wenn Gentlemen ein Konzert in Addis Abeba spielt, ist es kein Charity-Akt für ihn – sondern eine echte Verbindung zu seiner kulturellen Wurzel. Jeder soll etwas davon haben. Das ist der Kern von All Profit.
Warum ist klassische Charity laut Michael Fritz oft problematisch?
Klassische Charity kommuniziert oft über Defizite – Armut, Krankheit, Hunger – um Spendengelder zu generieren. Das reduziert ganze Kontinente auf Klischees und ignoriert ihre kulturelle, wirtschaftliche und kreative Stärke. Dieses Narrativ ist laut Michael Fritz nicht nur falsch, sondern aktiv schädlich.
Micha spricht konkret über den afrikanischen Kontinent, der aus 54 Ländern, unzähligen Kulturen und Sprachen besteht – mindestens so vielfältig wie Europa. Afrobeat, Hip-Hop-Kultur, Nollywood, Tech-Entwickler, Rohstoffe wie Coltan in jedem Smartphone – all das kommt vom afrikanischen Kontinent, wird aber im Charity-Diskurs kaum erwähnt. Stattdessen dominiert das Bild der Hilfsbedürftigkeit.
Viva con Agua hat deshalb den Ansatz gewechselt: von Spendenaufrufen mit Mitleidsbildern hin zu Social Business, bei dem Projekte wirtschaftlich tragfähig sind, Partnerschaften auf Augenhöhe stattfinden und niemand als „Opfer“ dargestellt wird. 560 Millionen Menschen haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser – das ist das Problem. Aber die Lösung muss mit den Menschen passieren, nicht für sie.
Häufig gestellte Fragen
Was macht Viva con Agua genau?
Viva con Agua setzt sich dafür ein, dass möglichst viele Menschen Zugang zu sauberem Trinkwasser bekommen. Dazu gehören Spendenaktionen, Pfandbecher auf Festivals, die Milontau Gallery im FC St. Pauli Stadion, eine eigene Werbeagentur, Hotels und Ableger in acht Ländern weltweit.
Wer ist Michael Fritz von Viva con Agua?
Michael Fritz, genannt Micha, ist einer der Mitgründer von Viva con Agua de St. Pauli e.V. Er bezeichnet sich selbst als Chief Chaos Officer, ist nicht mehr Geschäftsführer, aber Vorstand der Stiftung. Er hat die Organisation über 15 Jahre mitgeprägt und zahlreiche Projekte und Kooperationen initiiert.
Was ist das All Profit Prinzip?
All Profit ist das Gegenprinzip zu Non Profit: Es geht darum, dass alle Beteiligten – Künstler, Partner, Ehrenamtliche, Zielgruppen – etwas von einer Zusammenarbeit haben. Niemand soll nur geben, jeder soll auch gewinnen. Das Prinzip entstand bei Viva con Agua fast zufällig, ist aber heute Kern der gesamten Strategie.
Fazit und deine 3 Takeaways
Michael Fritz zeigt, dass Social Business kein Widerspruch in sich ist – es ist schlicht die konsequentere, ehrlichere Version von Unternehmertum. Wer Gutes tun will, muss nicht auf Profit verzichten. Und wer Profit will, muss nicht aufhören, Gutes zu tun.
- Hinterfrage, was du kaufst: Ob Wasser, Werbung oder Müsli – fast jedes Produkt hat eine soziale Alternative. Fang an, bewusster zu wählen.
- Alle sollen profitieren: Egal ob im Job, im Podcast oder im Ehrenamt – frag dich, was dein Gegenüber wirklich davon hat. All Profit als Grundhaltung funktioniert auch im Kleinen.
- Chaos ist kein Fehler: Micha Fritz hat nie einen klassischen Plan gehabt. Er hat Dinge ausprobiert, Netzwerke aufgebaut und Vertrauen investiert. Manchmal ist der beste Move, einfach anzufangen.



